Tibet-Encyclopaedia

 

Abdal Khan (Herrscher von Skardu, Baltistan bzw. Klein-Tibet)

Abdal Khan (auch Abdul Khan genannt) war ein Sohn von Ali Sher Khan, des wohl bedeutendsten Herrschers von Skardu in Baltistan. Als Mitglied der Makpon-Herrscherfamilie von Skardu regierte er nur wenige Jahre in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und verlor seinen Thron im Jahre 1636 durch eine vom indischen Moghul-Kaiser Shah Jahan (1627-1658) angeordnete Invasion. Hierdurch wurde die Unabhängigkeit der Herrscherhäuser in Baltistan für den Rest des 17. Jahrhunderts beendet. Historisch gesichert ist, dass das vom Abdal Khan direkt beherrschte Gebiet in Baltistan neben dem Kernland Skardu auch Shigar, Rondu und Kartaksho umfasste. In der Volksliteratur Baltistans ist er bis heute als finstere Gestalt mit dem Beinamen „Mizos“ „Menschenfresser“ lebendig.

Nach dem Tod von Ali Sher Khan in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts übernahm zunächst für kurze Zeit sein ältester Sohn Ahmad Khan die Herrschaft in Skardu. Nach dessen Tod trat nun nicht etwa dessen ältester Sohn, Muhammad Murad, auch Murad Khan genannt, die Herrschaft in Skardu an – möglicherweise war er zunächst noch minderjährig – sondern es war Abdal Khan, der Bruder seines Vaters, der nun die Regierung übernahm. Abdal Khan war aber klug genug, seinen Neffen Murad in seine Regierung einzubinden. Letzterer fungierte nämlich als sein Vakil und leitete somit als eine Art Regierungschef die Verwaltung des Königreiches.

Der Machtübernahme durch Abdal Khan war ein Streit mit seinem offenbar älteren Bruder Adam Khan vorausgegangen, der sich daraufhin heimlich an den Gouverneur von Kaschmir mit der Bitte um Unterstützung seines Machtanspruchs wandte (Bernier, S. 163). Abdal Khan war wegen seiner harten Machtausübung bei seinen Untertanen unbeliebt (Láhorí, S. 62), und so wundert es nicht, dass der Gouverneur von Kaschmir bei seiner Invasion Baltistans im Jahre 1636 sogar von Verwandten Abdal Khans unterstützt wurde. Erwähnt wird insbesondere eine Person namens Hasan (Khan), ein Neffe von Abdal Khan, der in Begleitung seiner Anhänger mit den Invasionstruppen nach Baltistan eingerückt war (Láhorí, S. 63) und bei dem es sich offenbar um den 19. Herrscher der Amacha-Herrscherfamilie von Shigar handelt. Aber auch sein Bruder Adam Khan stand auf der Seite der Invasoren.

Die Streitigkeiten innerhalb Baltistans waren aber für den Moghul-Kaiser Shah Jahan noch kein Anlass, die Pläne seiner Vorgänger, der Kaiser Akbar (1556-1605) und Jahangir (1605-1627), zur Eroberung Baltistans weiterzuverfolgen. Über Abdal Khan wird nämlich für das Jahr 1633 berichtet, dass er Geschenke an den Hof des Moghul-Kaisers Shah Jahan schickte, Münzen im Namen dieses indischen Kaisers prägen ließ und dessen Namen bei der Feiertagspredigt erwähnte, dass er also gegenüber der indischen Großmacht Wohlverhalten zeigte (Behrouz, S. 76 unter Berufung auf die Quelle Shah Jahan-Nāma des Muhammad Iahir Ashna (1657)).

Abbildung 1: Der Moghul-Kaiser Shah Jahan

Der eigentliche Anlass für eine Invasion Baltistans waren nach Muhammad Iahir Ashna, einem Sohn von Zafar Khan, des damaligen Gouverneurs von Kaschmir, Unruhen in Kaschmir. Die Unruhestifter Habib Chak und Ahmad Chak wurden törichter Weise von Abdal Khan unterstützt, der ihnen sogar in Skardu Zuflucht gewährte, wodurch ein Angriff kaiserlicher Truppen gegen Baltistan unausweichlich erscheinen musste (Behrouz, S. 75f). Zafar Khan bat deshalb den Kaiser Shah Jahan, eine Invasion Baltistans durchführen zu dürfen. Nach der Zustimmung von Shah Jahan brach der Gouverneur Zafar Khan an der Spitze einer Armee von ca. 2000 Reitern und 10000 Infanteristen und unterstützt von seinen eigenen Truppen als Gouverneur sowie von weiteren bewaffneten Männern aus Kaschmir nach Baltistan auf (Behrouz, S. 76f, Láhorí, S. 63). Unter diesen Truppen befanden sich, wie schon erwähnt, auch Verwandte des Herrscherhauses von Abdal Khan, wie sein Bruder Adam Khan, sein Neffe Hasan Khan, und andere Baltis. Nachdem man die am Satpara-See errichtete Verteidigungsmauer durchbrochen hatte, erreichte die kaiserliche Armee nach einmonatigem Vormarsch am 28. August 1636 das am Indus gelegene Skardu.

Abdal Khan hatte sich in der Festung Kharphocho verschanzt, während sein führender Minister Muhammad Murad sich in die Festung Kahchana zurückgezogen hatte. Seine Familie hatte Abdal Khan zuvor mit allen seinen Besitztümern an Gold, Silber und anderen wertvollen Sachen unter Führung seines fünfzehn Jahre alten Sohnes Daulat in die Bergfestung von Shigar in Sicherheit bringen lassen. Letzteres belegt übrigens auch, dass Abdal Khan die Herrschaft über Shigar in vollem Umfang an sich gerissen hatte.

Das Zeitfenster der Invasoren für die Vollendung ihres Vorhabens in Baltistan war sehr klein und betrug maximal zwei Monate, da ein Verbleiben einer so großen Armee im Winter in Baltistan unmöglich war und die Pässe, die eine Rückkehr möglich machten, nur bis etwa Ende Oktober passierbar waren. In der nun folgenden Belagerung der beiden Burgen in Skardu wurde der Gouverneur von Kaschmir auch von Adam Khan, dem Bruder des Herrschers von Skardu, unterstützt, der mit seinen Anhängern dazu beitrug, die Versorgung der beiden Festungen Kharphocho und Kahchana mit Proviant zu unterbinden.

Um der Familie von Abdal Khan habhaft zu werden, schickte Zafar Khan als erstes die Feldherrn Mir Fahr ad-Din und Bahram Beg mit 4000 Reitern und Infanteristen nach Shigar. Die kleine Armee überquerte mit provisorisch aus Holz bebauten Fähren den Indus und rückte gegen Shigar vor, wo sie von Daulat, dem fünfzehnjährigen Sohn von Abdal Khan, angegriffen wurde. Die überlegenen kaiserlichen Truppen schlugen diesen Angriff zurück und Daulat ergriff die Flucht nach Kashgar, wobei er einen Teil des Familienschatzes mitnahm. Die kaiserlichen Truppen erstürmten die Festung von Shigar und plünderten sie, während die schutzlos zurückgelassenen Frauen und Kinder Abdal Khans von Fahr ad-Din festgenommen wurden.

Mit diesem Faustpfand im Rücken eröffnete Zafar Khan nun Verhandlungen mit dem in der belagerten Festung Kharphocho eingeschlossenen Abdal Khan. Gleichzeitig gelang es Adam Khan, dem Bruder des Herrschers von Skardu, den in der Festung Kahchana belagerten Muhammad Murad zur Aufgabe zu überreden. Mit dieser Tatsache konfrontiert blieb Abdal Khan nichts anderes übrig, als sich den Angreifern zu ergeben.

Zafar Khan setzte Muhammad Murad als Nachfolger Abdal Khans ein und kehrte angesichts des drohenden Wintereinbruchs unverzüglich mit Abdal Khan als seinen Gefangenen nach Kaschmir zurück. Über das weitere Schicksal dieses in Baltistan unbeliebten Herrschers Abdal Khans ist nichts bekannt.

Die Entscheidung des Gouverneurs von Kaschmir, Muhammad Murad alias Murad Khan als Nachfolger Abdal Khans einzusetzen, wurde übrigens später von Kaiser Shah Jahan revidiert. Dieser übertrug die Verwaltung Baltistans Adam Khan, dem Bruder des nach Kaschmir verschleppten Herrschers.

Literatur:

Banat Gul Afridi: Baltistan in History. Peshawar 1988
Koshrow Behrouz: Shigar-Nāma. Eine persische Verschronik über die Geschichte Baltistans. Kritische Textausgabe, Kommentar und Übersetzung. Unveröffentlichtes Manuskript aus den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts
Francis Bernier: Travels in the Mogul Empire. Translated from the French by Irving Brook. Vol. II, London 1826
Hashmatullah Khan: History of Baltistan. Lok Virsa Translation, Islamabad 1987. Das Original in Urdu wurde 1939 veröffentlicht
´Abdu-l Hamíd Láhorí: Bádsháh-náma. In: The History of India as Told by its Own Historians. The Muhammadan Period. The Posthumous Papers of the Late Sir H. H. Elliot. Edited and Continued by Professor John Dowson. Vol. VII. First Indian Edition. Allahabad 1964, S. 3-72
Luciano Petech: The Kingdom of Ladakh. C. 950-1842 A. D. Roma 1977

Autor: Dieter Schuh, 2010

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