Tibet-Encyclopaedia

 

Abbildung 1: Die von Ali Sher Khan um 1600 errichtete Festung Kharphocho nach ihrer 1841 erfolgten Zerstörung durch die Dogra und nach ihrem späteren für Verteidungszwecke erfolgten Umbau 

Ali Sher Khan (Herrscher von Skardu, Baltistan bzw. Klein-Tibet)

Ali Sher Khan (auch Ali Rai, Alī Rāy, Alī Rāī, Raja Ali Mir Sher, Ali Mir, Ali Sher und Ali Zād genannt) war einer der bedeutendsten Herrscher in Baltistan, wobei Skardu das Kerngebiet seiner Herrschaft bildete. Als Mitglied der Makpon-Herrscherfamilie von Skardu regierte er in einem Zeitraum um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Im Hinblick auf seinen Herrschaftsantritt ist das Jahr 1591 als Terminus ante quem zu nennen. Für sein Todesjahr ist das das Jahr 1622/23 als Terminus post quem gesichert. Er pflegte enge Beziehungen zum Hof der Moghul-Kaiser von Indien, ohne dabei seine politische Selbstständigkeit aufzugeben. Ali Sher Khan gilt als Erbauer der großen Festungen Kharphocho und Kahchana in Skardu und ging als Eroberer von Ladakh in die Geschichte ein. Einen Invasionsversuch einer Streitmacht des Moghul-Kaisers Jahangir konnte er erfolgreich abwehren. Die Glorifizierung seiner Herrschaft spiegelt sich in zahlreichen Volksliedern wieder, die auch heute noch, 400 Jahre nach seiner Regierungszeit, in Baltistan gesungen werden.

Mit der Eroberung von Kaschmir durch den Moghul-Kaiser Akbar (1556-1605) im Jahre 1586 erwuchs den Herrschern in Baltistan ein mächtiger Nachbar. 1689 unternahm Akbar seine zweite Reise nach Kashmir. Auf dieser Reise wurde der Beschluß gefasst, Botschafter nach Klein-Tibet (Baltistan) und Groß-Tibet (Ladakh) zu senden, da, wie Abu´l Fazl großspurig schreibt, die Herrscher dieser beiden Länder nicht den Mut hatten, vor dem erhabenen kaiserlichen Hof persönlich zu erscheinen, nachdem der Lärm der die Welt erobernden Armee ihre Länder erreicht hatte. Nach Baltistan sandte man Haji Mirzā Beg Kābulī, während Mullā Tālib Isfahānī und Mīhtar Yārī nach Ladakh geschickt wurden. Die überbrachten Sendschreiben sollen nach Abu´l Fazl „besänftigende und ermutigende Worte“ enthalten haben, was offenbar bedeutet, dass es sich um primär diplomatische Reisen zur Anknüpfung von Beziehungen handelte (Abu´l Fazl 1, Vol. III, S. 838). Zwei Jahre später reiste der kaiserliche Gesandte Haji Mirzā Beg Kābulī im Auftrag des kaiserlichen Hofes im Jahre 1591 nach Baltistan zu Ali Sher Khan, dem Herrscher von Klein Tibet, der in der Chronik von Al-Badaoni (Band 2, S. 388) als Ali Rai namentlich erwähnt wird. Haji Mirzā Beg Kābulī brachte von dieser Mission eine Tochter von Ali Sher Khan an den kaiserlichen Hof, wo sie mit Prinz Salim, dem späteren Moghul-Kaiser Jahangir, verheiratet wurde. Diese Eheschließung wird auch durch Abu´l-Fazl (S. 323) bestätigt, der in der Liste der Frauen von Jahangir als 8. Ehefrau eine Tochter des Herrscher von Klein-Tibet Ali Ray aufführt, die Jahangir im Jahre 999 mohammedanischer Zeitrechnung, also 1591 n. Chr., heiratete. Offenbar parallel hierzu reiste ebenfalls zum zweiten Mal  Mullā Tālib Isfahānī als Botschafter von Akbar nach Ladakh. Beide Botschafter verfassten einen Bericht, in dem sie die Sitten und Gebräuche und die religiösen Sekten von Tibet beschrieben.

   

Abbildung 2: Der Moghul-Kaiser Akbar

 

Abbildung 3: Der Moghul Kaiser Jahangir (ehemals Prinz Salim), er heirate eine Tochter von Ali Sher Khan

Die Heirat zwischen Prinz Salim und der Prinzessin aus Klein-Tibet bedeutet nicht nur eine hohe Ehre für Ali Sher Khan. Sie beleuchtet auch seine herausragende machtpolitische Stellung, die er aus der Sicht des Moghul-Kaiserhofes in Baltistan innehatte. Offenkundig wurde Ali Sher Khan vom Kaiserhof als der einzige relevante Machtfaktor in Baltistan angesehen.

Dass Ali Sher Khan keine ernsthafte Unterwerfung unter eine Vorherrschaft des Moghul-Kaisers vollzogen hat, zeigen Ereignisse des Jahres 1603. Ali Sher Khan griff die Grenzdistrikte von Kashmir an, woraufhin eine sofortige militärische Reaktion Akbars erfolgte. Muhammad Quli Khan Turkman zog gegen ihn mit kaiserlichen Truppen ins Feld, woraufhin Ali Sher Khan sich zurückzog (Abu´l-Fazl: S. 529).

Von historischer Bedeutung war die Eroberung Ladakhs durch Ali Sher Khan, wobei wir mit Sicherheit wissen, dass diese vor 1603 stattgefunden hat. Der ladakhische König Jamyang Namgyel (`Jam-dbyangs rnam-rgyal) intervenierte militärisch in einem Konflikt zwischen zwei lokalen Herrschern von Purik. Nach dem Einmarsch der Krieger aus Ladakh in Purik erschien plötzlich Ali Sher Khan mit seinen Truppen aus Baltistan, die einen vollständigen Sieg über die ladakhischen Truppen erzielten, wobei der König von Ladakh in Gefangenschaft geriet. Das nunmehr schutzlose Ladakh wurde von den Kriegern Ali Sher Khans überrannt, buddhistische Klöster wurden geplündert und zerstört und heilige Bücher verbrannt. Ali Sher Khan zog sich danach nach Baltistan zurück, wobei er den besiegten König Jamyang Namgyel als Gefangenen mit sich führte (Francke, S. 106).

In Baltistan kam es zu einer Eheschließung zwischen Rgyal Kha-thun, einer Tochter von Ali Sher Khan, und dem in ehrenvoller Gefangenschaft gehaltenen König Jamyang Namgyel. In der Folge hiervon setzte Ali Sher Khan Jamyang Namgyel wieder als König von Ladakh ein. Aus der Ehe zwischen der Prinzessin aus Baltistan und dem König von Ladakh ging ein Sohn hervor, nämlich Sengge Namgyel (Seng-ge rnam-rgyal), der als Enkel von Ali Sher Khan zu einem der bedeutendsten Könige in der Geschichte Ladakhs aufstieg. Da uns eine Herrscherurkunde von Sengge Namgyel aus dem Jahre 1610 vorliegt (Schuh, S. 15), müssen die geschilderten Ereignisse in etwa zwischen 1590 und 1597 stattgefunden haben. Dies läßt sich durch eine Schilderung von Kaiser Akbars drittem Besuch in Kaschmir im Jahre 1597 durch Abu´l Fazl verifizieren. Kaiser Akbar entsandte von Kaschmir aus erneut Botschafter nach Tibet. Ein Plan, Tibet zu erobern, wurde nicht in die Tat umgesetzt. In diesem Zusammenhang vermittelt Abu´l Fazl Informationen über Baltistan und Ladakh, die er ganz offensichtlich 1597 während seines Aufenthaltes in Kaschmir gesammelt hatte. 

Hiernach hatte Rājū Rai, der als Kommandant der ladakhischen Armee beschrieben wird, eine Rebellion gegen Kokaltāsh, den König von Ladakh, angezettelt. Letzterer mobilisierte seine Truppen und nahm Rājū Rai seine Ländereien weg. In diesen Konflikt mischte sich Ali Sher Khan (hier von Abu´l Fazl als Ali Zād erwähnt) ein, wobei es ihm gelang, den König von Ladakh gefangen zu nehmen, zu dessen Residenz zu marschieren und viel Geld zu erbeuten. Ali Sher Khan konnte dabei ein großes Territorium in seinen Machtbereich einverleiben. Als Ali Sher Khan von der Ankunft der kaiserlichen Armee in Kaschmir erfuhr, installierte er wieder Kokaltāsh als Herrscher von Ladakh und kehrte nach Baltistan zurück (Abu´l Fazl 1, Vol. III, S. 1091). Zweifelsfrei ist jener Kokaltāsh identisch mit dem ladakhischen König Jamyang Namgyel. Die Schilderung im Akbarnāma bestätigt in den Grundzügen die Schilderung ladakhischer Quellen. Zugleich gibt sie das Jahr 1597 als Terminus ante quem für die Eroberung von Ladakh durch Ali Sher Khan und die Wiedereinsetzung von Jamyang Namgyel als König vor. Diese Schlußfolgerung wird durch einen Bericht des schiitischen Theologen und Biographen Nûrullah Shustarî bestätigt, den Wolfgang Holzwarth in seiner Arbeit über den Islam in Baltistan (S. 27f) in englischer Übersetzung vorgestellt hat. Nach Holzwarth wurde dieser Bericht im Jahre 1602 geschrieben. An dieser Stelle ist dieser Bericht, der große Bedeutung für die Darstellung der Islamisierung Baltistans hat, nur insofern von Wichtigkeit, als er als Jahr der Eroberung von Ladakh durch Ali Sher Khan 1591/1592 angibt und bestätigt, dass der Eroberer aus Baltistan nicht nur zahlreiche buddhistische Klöster zerstört hat, sondern auch in Ladakh zahlreiche Besitztümer und Schätze raubte.

Für das 18. Regierungsjahr von Jahangir berichtet Mutabid Khan in seinem Iqbal Nama-i-Jahangir (Afridi, S. 63) von einem Besuch von Ali Muhammad, einem Sohn von Ali Sher Khan (Ali Rai), am Moghul-Kaiserhof. Dieser Besuch erfolgte auf Anweisung von Ali Sher Khan, der somit im Jahr 1622/23 noch regierte. Die Angaben dieser mir nicht zugänglichen und an dieser Stelle nach Afridi zitierten Quelle werden bestätigt durch eine Bermerkung in den Memoiren des Kaisers Jahangir, die in dem Werk Tûzuk-i Jahāngîrî zu finden sind und auf die wiederum Wolfgang Holzwarth (S. 29) mit einem ausführlichen Zitat aufmerksam gemacht hat. Hiernach erreichte Ali Muhammad 1624 den Kaiserhof. Nach diesem Bericht des Jahangir hatte der inzwischen hochbetagte Ali Sher Khan den von ihm als seinen Nachfolger bevorzugten Sohn Ali Muhammad an den Kaiserhof geschickt, um ihn so vor den Nachstellungen seiner älteren Brüder zu schützen. Der Kaiser erwähnt hierzu, dass Abdal Khan, der älteste dieser Brüder, sich mit dem Herrscher von Kashgar verbündet hatte, um nach nach dem Tod seines Vaters mit Hilfe des Kashgar-Herrschers die Macht in Klein-Tibet übernehmen zu können.

Letztendlich ist hier noch ein gescheiterter Versuch des  Moghul-Kaisers Jahangir (1605-1627) zu erwähnen, Baltistan zu erobern. ´Abdu-l Hamíd Láhorí berichtet in seinem Bádsháh-náma (S. 62), dass während der Regierungszeit Jahangirs auf kaiserlichen Befehl eine große Streitmacht unter Führung von Háshim Khán, eines Gouverneurs von Kaschmir, nach Baltistan vorrückte. Der Angriff mündete in eine Niederlage und die kaiserlichen Truppen mußten sich nach großen Verlusten und unter großen Schwierigkeiten nach Kaschmir zurückziehen. Da nach Mohammad-ud-Din Fouq (S. 394) Háshim Khán von 1609 bis 1612 den Gouverneursposten inne hatte, besteht kein Zweifel, dass es Ali Sher Khan war, der diesen Invasionsversuch abwehrte.

Die Vorstellung, dass Ali Sher Khan ganz Baltistan eroberte und zusätzlich Gilgit und Astor regierte, stammt aus der Volksliteratur Baltistans und kann, solange hierzu keine seriösen historischen Quellen vorliegen, nur die Phantasie beflügeln. Richtig ist aber, dass ihm die Erbauung der großen Festungen Kharphocho und Kahchana oberhalb des Ortes Skardu zuzuschreiben ist. Dies bedeutet aber, dass der Hauptsitz der Makpon-Herrscher vor der Regierungszeit Ali Sher Khans einem anderen Ort im Skardu-Tal zugeordnet werden muss. Möglicherweise war dies Shigri (Shagari der modernen Karten), wo sich nicht nur eine große Festung befand, sondern wo sich auch ein großer Stein findet, auf dem die Zeremonie der Volljährigkeit des  jeweiligen Thronfolgers vollzogen wurde (Vigne, S. 251).

Als Vater von Ali Sher Khan wird  in den veröffentlichten,  genealogischen Listen der Makpon-Herrscher von Skardu eine Person mit dem Namen Ghazi bzw. Ghazi Mir genannt. Hashmatullah Khans (S. 13f) und Afridis (S. 40)  Erläuterungen zum Leben dieses Herrschers sind durch keinerlei Quellen belegt und somit wissenschaftlich nicht verwertbar. Von den Söhnen Ali Sher Khans sind vier namentlich bekannt: Ahmad Khan, Abdal Khan, Adam Khan und Ali Muhammad.

Literatur

Abu´l-Fazl: The Ā´in-i-Akbarī. Translated from the original Persian by H. Blochmann. Second edition, Vol. 1. Calcutta 1827
Abu´l Fazl 1: The Akbarnāma (History of the Reign of Akbar Including an Account of his Predecessors) Vol. I-III. Translated from Original Persian Manuscripts by H. Beveridge. Kolkata 1907. Second reprint March 2010
Banat Gul Afridi: Baltistan in History. Peshawar 1988
Al-Badaoni: A History of India Muntakhab ut-tawarikh by Abdul-Qadir Ibn-i-Muluk Shah. Known as Al-Badaoni. English Translation Selections from Histories by George S. A. Ranking. Vokume II. Reprint, New Delhi 1990
Francis Bernier: Travels in the Mogul Empire. Translated from the French by Irving Brook. Vol. II, London 1826
Alexander Cunningham: Ladák. Physical, statistical, and historical; with notices of the surrounding countries. New Delhi 1977 (reprint)
Ahmad Hasan Dani: History of Northern Areas of Pakistan. Second Edition. Islamabad 1991
Mohammad-ud-Din Fouq: [Mukamal Tarikh-i-Kashmir] A Complete History of Kashmir. The Ancient Hindu Kings; The Muslim Kings; The Khalsa Kings. Translated by R. K. Bharti. Srinagar 2009
A. H. Francke: Antiquities of Indian Tibet. Part (Volume) II. The Chronicles of Ladakh and Minor Chronicles. Texts and Translations, with Notes and Maps. (Reprint) New Delhi 1972
Wolfgang Holzwarth: Islam in Baltistan: Problems of Research on the Formative Period. In: The Past in the Present. Horizons of Remembering in the Pakistan Himalaya, edited by Irmtraud Stellrecht. Köln 1997, S. 1-40
Hashmatullah Khan: History of Baltistan. Lok Virsa Translation, Islamabad 1987. Das Original in Urdu wurde 1939 veröffentlicht
Luciano Petech: The Kingdom of Ladakh. C. 950-1842 A. D. Roma 1977.
´Abdu-l Hamíd Láhorí: Bádsháh-náma. In: The History of India as Told by its Own Historians. The Muhammadan Period. The Posthumous Papers of the Late Sir H. H. Elliot. Edited and Continued by Professor John Dowson. Vol. VII. First Indian Edition. Allahabad 1964, S. 3-72
Francis Robinson: The Mughal Emperors and the Islamic Dynasties of India, Iran and Central Asia. London 2007
Dieter Schuh: Frühe Beziehungen zwischen dem ladakhischen Herrscherhaus und der südlichen ´Brug-pa-Schule. Sankt Augustin 1983.
Godfrey Thomas Vigne: Travels in Kashmir, Ladakh, Iskardo. The Countries Adjoining the Mountain-Course of the Indus and the Himalaya North of the Punjab. Volume II, London 2005. Nachdruck der Ausgabe von 1842

Autor: Dieter Schuh, 2010. Ergänzt 2011

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