Tibet-Encyclopaedia

 

Imam Quli Khan (Herrscher von Shigar in Baltistan, Klein-Tibet)

Imam Quli Khan war einer der bedeutendsten Herrscher von Shigar in Baltistan. Als Mitglied der Amacha-Herrscherfamilie wurde er gegen Ende der dreißiger Jahre des 17. Jahrhunderts inthronisiert und regierte bis in den Zeitraum von 1680 bis 1690. Seine lange Regierungszeit war nach dem Jahr 1650 geprägt von zahlreichen Kriegszügen an der Seite von Murad Khan aus Skardu und durch einen wenigstens ein Jahrzehnt dauernden militärischen Konflikt mit Murad Khans Bruder Sher Khan. Dieser Konflikt stürzte alle Teilgebiete von Baltistan in kriegerische Wirren, die erst nach 1678/79 mit der endgültigen Niederlage von Sher Khan endeten. Über das Todesjahr von Imam Quli Khan ist nichts Genaues bekannt.

Inhaltsverzeichnis

1. Quellen
2. Die Rückeroberung von Shigar
3. Unterstützung von Adam Khan und Verhältnis zu Murad Khan (von 1650 bis 1658)
4. Beziehungen zum Moghul-Kaiserhof von Shah Jahan
5. Kriege mit Sher Khan
6. Historische Bewertung von Imam Quli Khans Regierungszeit
7. Literatur

1. Quellen

In den von Cunningham, Biddulph und Francke veröffentlichten genealogischen Listen der Amacha-Herrscher von Shigar wird Imam Quli Khan jeweils als 20. Herrscher aufgeführt. Nach diesen Listen folgte er als Herrscher auf seinen Vater Hasan Khan. Die einzige bisher bekannt gewordene Quelle über sein Leben ist die in persischer Sprache verfasste Verschronik Shigar Nāma, die offenbar als Lobpreisung seiner Großtaten entweder von ihm selbst oder seinem Nachfolger Ali Khan in Auftrag gegeben wurde.

Die Verschronik Shigar Nāma stellt Imam Quli Khan als strahlenden Kriegshelden und als weisen Herrscher dar. Die Ereignisse in seinem Leben werden mit poetischer Verklärung dargestellt. Als Beispiel sei der Anfang des vorhandenen Teils des Shigar Nāma, der den Aufbruch von Imam Quli Khans Armee zur Rückeroberung von Shigar und die Vertreibung von Murad Khan schildert, in der Übersetzung von Behrouz (S. 80) einmal vorgestellt:

„Als die Sonne die Nacht vertrieb und aus dem Schoße des Himmels das Kind der Morgenröte geboren wurde, und als die Sonne ins Himmelsgewölbe hinaus brach und aus dem Gesicht der Welt die Finsternis beseitige, überquerte der König des hohen Firmaments und der Mond des Sternbilds Stier den Skardu-Fluß. Er saß auf einem arabischen Vollbluthengst; wie ein Schatten entstand ein Wirbelwind hinter ihm. Rings um ihn stellten sich seine Vertrauten in einer Reihe auf, reißende Löwen waren seine Recken. Die löwenstarken Helden hielten die Fahne in der Hand, von Kopf bis Fuß in Eisen gehüllt, wie eine Muschel, die die Perle umschließt. Zahlreich wie Ameisen und Heuschrecken waren die Truppen von Amir, Ahmad Mir und Mirza Khan. Mit Glück, Ehrfurcht und Glanz näherten sie sich der Grenze von Shigar.“

Diese Darstellung ist natürlich eine poetische Fiktion und keine sachliche Darstellung historischer Ereignisse. Gleichwohl zeigt ein Vergleich mit externen Quellen aus Indien und Ladakh, dass das Grundgerüst an Fakten, welches dieser eposartigen Chronik zugrunde liegt und leicht herausgeschält werden kann, dort, wo es nachgeprüft werden kann, historische Verlässlichkeit besitzt. Insofern besteht kein Grund, die Darstellung bestimmter Fakten im Shigar Nāma anzuzweifeln.

2. Die Rückeroberung von Shigar

Es ist angesichts der heutigen Quellenlage nicht möglich, die Ereignisse der politischen Neuordnung in Baltistan nach der Eroberung dieses Landes durch die Truppen des Moghul-Kaisers Shah Jahan (1627-1658) im Jahre 1636 in allen Details nachzuzeichnen. Angesichts des überhasteten Abzugs der kaiserlichen Truppen unter dem Gouverneur von Kaschmir Zafar Khan blieb offenkundig nicht genug Zeit, die politischen Verhältnisse in Baltistan nachhaltig neu zu ordnen. Selbst Zafar Khans Einsetzung von Murad Khan als Herrscher in Skardu und als Vertreter des ganzen Landes gegenüber dem Kaiserhof wurde von Shah Jahan nach der Rückkehr der siegreichen kaiserlichen Armee wieder rückgängig gemacht und Adam Khan, der Onkel von Murad Khan, zum Vertreter von Baltistan und Herrscher über Skardu bestimmt. Im Gefolge der kaiserlichen Armee befand sich auch eine Person namens Hasan Khan. Dieser Hasan Khan spielte bei der Belagerung der Festung Kharphocho in Skardu eine wichtige Rolle. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es sich bei diesem Hasan Khan um den Vater von Imam Quli Khan handelte. Jedenfalls zeigen die Ereignisse um Shigar während des Krieges gegen Abdal Khan, dass Shigar sich zu diesem Zeitpunkt (1636) fest in den Händen von Abdal Khan befand und jedenfalls zeitweise nicht von Mitgliedern der Amacha-Familie regiert wurde.

Die Erläuterungen des Shigar Nāma über die Einnahme von Shigar durch Imam Quli Khan belegen aber auch, dass sein Vater Hasan Khan nach 1636 zwischenzeitlich in Shigar regiert haben muss. Angesichts der anrückenden Truppen ergriff nämlich Murad Khan die Flucht und raubte dabei alle Schätze von Hasan Khan. Dies lässt wenigstens den Schluss zu, dass Hasan Khan nach 1636 für eine kurze Zeit nach Shigar zurückgekehrt war und Murad Khan anschließend Shigar eingenommen haben muss. Nach der Vertreibung von Murad Khan wurde Imam Quli Khan in Shigar als Herrscher inthronisiert. Damit ist klar, dass der Beginn seiner Regierungszeit in Shigar in den letzten Jahren der dreißiger Jahre des 17. Jahrhunderts stattgefunden hat.

3. Unterstützung von Adam Khan und Verhältnis zu Murad Khan (von 1650 bis kurz nach 1667)

In den vierziger Jahren des 17. Jahrhunderts herrschte in Baltistan, jedenfalls was kriegerische Auseinandersetzungen betraf, weitgehend Ruhe. Shigar wurde von Imam Quli Khan regiert, Amir Khan stand Kiris vor und diente gleichzeitig Imam Quli Khan als dessen Wesir. In Rondu herrschte für seinen Bruder Murad Khan, der in Kaschmir lebte, Sher Khan und in Khaplu waren die Mitglieder der alteingesessenen Yabgo-Herrscherfamilie an der Macht. Allerdings sorgte dort ein Nachfolgestreit für einige Unruhen, was aber die weiteren Königreiche in Baltistan nicht tangieren musste. Skardu wurde von Adam Khans Statthalter Mirza Khan verwaltet, dem gleichzeitig das Gebiet von Skardu unterstand. In dieser Zeit residierte Adam Khan als Garant für die Botmäßigkeit Baltistans in Kashmir. Offenbar wurden die an den Moghul-Kaiserhof zu entrichtenden Tributzahlungen an Edelsteinen, Moschus und Wolle gemeinsam erwirtschaftet und regelmäßig abgeliefert.

Dies änderte sich schlagartig mit der Revolte von Mirza Khan, des Statthalters von Skardu. 1650 rückte erneut eine kaiserliche Armee von Kaschmir aus nach Baltisten ein, um Mirza Khan abzusetzen. Nach dem Shigar Nāma schloss sich Imam Quli Khan mit seinen Truppen den Invasoren an, vermittelte dann aber eine Vereinbarung mit Mirza Khan, wonach dieser die Festung Kharphocho kampflos übergab und sich letztendlich, da ihm freies Geleit zugesichert worden war, nach Kartaksho zurückzog.

Die Herrschaft in Skardu wurde Murad Khan übertragen. Die folgenden Jahre waren nun eine Zeit andauernder Kriege, in denen Muard Khan von Imam Quli Khan mit Truppen unterstützt wurde. Es folgte ein Feldzug gegen Kartaksho, durchgeführt mit dem Ziel, Mirza Khan zu beseitigen, die Eroberung von Khaplu und ein Krieg gegen Kharbu (mKhar-bu) in Unterladakh. Anschließend nahm Murad Khan Gilgit ins Visier. An dem hierzu durchgeführten ersten Feldzug nahm Imam Quli Khan persönlich teil.

Warum sich der doch angeblich so weise Imam Quli Khan an allen diesen Feldzügen beteiligte, ist ungeklärt. Diese militärischen Unternehmungen dienten ausschließlich dazu, die Machtbasis von Murad Khan in Skardu zu vergrößern und es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis Murad Khan sich gegen seinen mächtigen Nachbarn in Shigar wenden würde.

4. Beziehungen zum Moghul-Kaiserhof von Shah Jahan

Wir wissen wenig darüber, wie die Beziehungen der einzelnen Herrscherhäuser in Baltistan zum Moghul-Kaiserhof von Indien geregelt waren. Offenbar war aber Adam Khan in Kashmir nicht der einzige, der direkten Kontakt zum Kaiserhof hatte. Als Murad Khan nämlich den Plan fasste, Shigar in seinen Herrschaftsbereich einzuverleiben, erhielt er nach dem Shigar Nāma die Information, dass Imam Quli Khan in direktem, gutem Einvernehmen zum Kaiser Shah Jahan stand. Dies bestätigt auch die Darstellung einer weiteren Episode im Shigar Nāma. Als Murad Khan einen dritten Feldzug gegen Gilgit unternehmen wollte, weigerte sich Imam Quli Khan daran teilzunehmen. Als Grund für seine Nichtteilnahme gab Imam Quli Khan an, dass die Schwester des Gouverneurs von Khashgar mit großem Gefolge und mit einem Begleitschreiben des Kaisers Shah Jahan sein Land durchreise und er wegen der dabei erforderlichen Hilfestellung in Shigar unabkömmlich sei. Auch dies kann als Beleg für einen direkten Kontakt zwischen dem Herrscherhaus von Shigar und dem Kaiserhof gewertet werden.

Die Angriffspläne von Murad Khan gegen Imam Quli Khan wurden übrigens durch ein Machtwort des Gouverneurs von Kaschmir zunichte gemacht.

5. Kriege mit Sher Khan

Nach dem kurz nach 1667 eingetretenen Tod von Murad Khan riss dessen Bruder Sher Khan die Macht in Skardu an sich und übernahm damit die gesamte Machtbasis, die Murad Khan mit der Hilfe von Imam Quli Khan aufgebaut hatte. Die Folge war nun ein Angriff von Sher Khan gegen Imam Quli Khan, der für das ganze Land Baltistan viele Jahre währende kriegerische Wirren zu Folge hatte. Erst Anfang der achtziger Jahre wurde dieser Krieg mit der endgültigen Niederlage von Sher Khan beendet. Die Details dieses Krieges sind in dem Artikel der Tibet-Encyclopaedia über Sher Khan dargestellt, so dass sie hier nicht wiederholt werden müssen. Imam Quli Khan dürfte das für ihn siegreiche Ende dieses Krieges nur wenige Jahre überlebt haben.

6. Historische Bewertung von Imam Quli Khans Regierungszeit

Der Hauptteil der Regierungszeit von Imam Quli Khan war für die Bevölkerung von Shigar durch andauernde Kriege gekennzeichnet, an denen die waffenfähigen Männer dieses Landes natürlich teilnehmen mussten. Dabei waren die Feldzüge der fünfziger Jahre des 17. Jahrhunderts diesem Herrscher von Shigar keineswegs aufgezwungen worden. Vielmehr betätigte er sich mit Murad Khan als Eroberer, den die Leiden der betroffenen Bevölkerung offenbar wenig interessierten.

Anders ist natürlich die Auseinandersetzung mit Sher Khan zu bewerten, doch hatte Imam Quli Khan die Machtgrundlage seiner Feinde für diesen verheerenden Krieg gegen sein eigenes Land selbst mitgeschaffen. Es ist bemerkenswert, dass die Leiden der Bevölkerung sogar in dem als Loblied auf Imam Quli Khan zu bewertenden Shigar Nāma zu Wort kommen. Mitten in den Kriegswirren trugen die Untertanen von Imam Quli Khan vor, dass sie des Krieges überdrüssig waren. Zur Verdeutlichung sei dieser Vortrag im Shigar Nāma nach der Übersetzung von Behrouz (S. 169) hier wörtlich wiedergegeben:

„O Herrscher! Wir sind bereit, uns für Deinen Kopf zu opfern! Der Krieg hat unsere Kräfte verzehrt, daher sind wir in lautes Wehklagen ausgebrochen. Seit geraumer Zeit haben wir unsere Kinder nicht gesehen, wir sind von den Verwandten getrennt worden, und unsere Beziehungen sind abgebrochen. Seit Jahren führen wir Krieg; das hat uns zermürbt. Abgesehen davon muss jeder von uns ein Fünftel seiner Weizenernte abgeben. Diese Unannehmlichkeiten beunruhigen uns. Niemand fühlt sich wohl, wir sind alle zugrunde gerichtet worden.“

Literatur

Banat Gul Afridi: Baltistan in History. Peshawar 1988
Koshrow Behrouz: Shigar- Nāma. Eine persische Verschronik über die Geschichte Baltistans. Kritische Textausgabe, Kommentar und Übersetzung. Unveröffentlichtes Manuskript aus den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts
A. H. Francke: Antiquities of Indian Tibet. Part (Volume) II. The Chronicles of Ladakh and Minor Chronicles. Texts and Translations, with Notes and Maps. (Reprint) New Delhi 1972
Hashmatullah Khan: History of Baltistan. Lok Virsa Translation, Islamabad 1987. Das Original in Urdu wurde 1939 veröffentlicht
Ináyat Khán: Sháh Jahán-náma. In: The History of India as Told by its Own Historians. The Muhammadan Period. The Posthumous Papers of the Late Sir H. H. Elliot. Edited and Continued by Professor John Dowson. Vol. VII. First Indian Edition. Allahabad 1964, S. 73-122.
´Abdu-l Hamíd Láhorí: Bádsháh-náma. In: The History of India as Told by its Own Historians. The Muhammadan Period. The Posthumous Papers of the Late Sir H. H. Elliot. Edited and Continued by Professor John Dowson. Vol. VII. First Indian Edition. Allahabad 1964, S. 3-72

Autor: Dieter Schuh, 2010

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